Warum ist Milde mit uns selbst kein Luxus?

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Warum wir zu uns selbst härter sind als zu anderen: Der Weg zu mehr Selbstmitgefühl

Stell dir vor, dein bester Freund sagt dir kurzfristig ab, weil er sich bei der Terminplanung vertan hat. Oder eine zuverlässige Kollegin hat wichtige Unterlagen nicht abgespeichert. Was passiert? Du zeigst Verständnis, nickst verständnisvoll und sagst „Kann ja mal passieren.“ Doch was geschieht, wenn du selbst einen ähnlichen Fehler machst?
Entdecke, warum wir härter mit uns selbst sind als mit anderen. Lerne praktische Wege zu mehr Selbstmitgefühl und innerer Milde für deine Persönlichkeitsentwicklung.

Warum wir zu uns selbst härter sind als zu anderen: Der Weg zu mehr Selbstmitgefühl

Stell dir vor, dein bester Freund sagt dir kurzfristig ab, weil er sich bei der Terminplanung vertan hat. Oder eine zuverlässige Kollegin hat wichtige Unterlagen nicht abgespeichert. Was passiert? Du zeigst Verständnis, nickst verständnisvoll und sagst „Kann ja mal passieren.“ Doch was geschieht, wenn du selbst einen ähnlichen Fehler machst?

In der neuesten Podcast-Folge von „Vom leeren Raum zur nachhaltigen Transformation“ gehen Birgit Weiglein und Nike Hornbostel dieser paradoxen menschlichen Eigenschaft auf den Grund: Warum sind wir zu anderen nachsichtiger als zu uns selbst? Und wie können wir lernen, milder mit uns umzugehen, besonders auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung?

Der innere Kritiker: Wenn wir unser schärfster Richter sind

Die Realität sieht oft anders aus als unsere Großzügigkeit anderen gegenüber. Nike Hornbostel beschreibt ihre typische Reaktion auf eigene Fehler sehr ehrlich: „Bei mir kommt immer: Ah, Frau Hornbostel. So, erstmal, das ist so meine Reaktion oder so lauter.“ Erst danach folgt der bewusste Selbstdialog: „Okay, kann ja mal passieren.“

Dieses Phänomen kennen wir alle. Während wir bei Freunden und Kollegen sofort Verständnis aufbringen, aktiviert sich bei uns selbst zunächst der innere Kritiker. Besonders herausfordernd wird es, wenn mehrere kleine Missgeschicke an einem Tag passieren – dann ist unser „Verständnis-Puffer“ schnell aufgebraucht.

Der Umgang mit uns selbst wird noch kritischer, wenn es um persönliche Entwicklungsziele geht. Hast du dir vorgenommen, selbstbewusster aufzutreten, und merkst dann in einer Begegnung deine Unsicherheit? Genau dann neigen wir dazu, besonders hart mit uns ins Gericht zu gehen.

Situation Reaktion bei anderen Reaktion bei uns selbst
Kurzfristige Terminabsage Verständnis, „Kann passieren“ Selbstvorwürfe, Ärger
Vergessene Unterlagen Gelassenheit, Hilfsbereitschaft Kopfschütteln, Selbstkritik
Unsicherheit bei wichtigen Gesprächen Ermutigung, Aufbauende Worte Enttäuschung, hohe Erwartungen

Persönlichkeitsentwicklung als Sprachlernprozess verstehen

Birgit Weiglein nutzt eine wunderbare Metapher für den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung: das Erlernen einer neuen Sprache. Am Anfang freust du dich wie ein Kind, wenn du deinen ersten Kaffee auf Italienisch bestellen kannst. Sobald du dann auch noch Pasta bestellen möchtest, wird dir bewusst, wie viel du noch nicht beherrschst.

Genauso verhält es sich mit der Persönlichkeitsentwicklung. Verschiedene Stadien wechseln sich ab:

  1. Euphorie der ersten Erkenntnis: Du nimmst dich bewusst wahr und freust dich über neue Einsichten
  2. Ernüchterung der Realität: Dir wird bewusst, wie viele Bereiche noch entwickelt werden dürfen
  3. Differenzierte Wahrnehmung: Du erkennst deine spezifischen Trigger und Reaktionsmuster
  4. Integration und Akzeptanz: Du lernst, mit deinen Eigenarten liebevoll umzugehen

Die Energie-Falle: Warum Selbstkritik erschöpft

Ein besonders wichtiger Aspekt, den beide Expertinnen hervorheben: Hart zu sich selbst zu sein, ist ein extremer Energiefresser. Birgit Weiglein teilt eine persönliche Erfahrung, die dies verdeutlicht: Nach einem besonders selbstkritischen Tag schrieb sie ihre Erlebnisse auf – retrospektiv hätte daraus eine perfekte Slapstick-Komödie werden können. In der Situation selbst war jedoch keine Komik, keine Milde, keine Leichtigkeit vorhanden.

Die Lösung liegt oft in ganz praktischen Ansätzen. Warum nicht Hilfsmittel nutzen, die uns energetisch entlasten? Ob es die elektrische Zahnbürste für die ungeliebte Zahnpflege ist oder die kleine Spülmaschine für den Abwasch – kleine Veränderungen können große Wirkung haben.

„Hart zu sich selber sein finde ich ist ein extremer Energieschlücker. Das schluckt ungemein viel Energie.“ – Birgit Weiglein

Praktische Wege zu mehr Selbstmitgefühl

Wie entwickelst du nun mehr Milde dir selbst gegenüber? Die beiden Coaching-Expertinnen geben konkrete Impulse:

Das Innere-Pause-Prinzip: Jedes Mal, wenn du dich über dich selbst ärgerst, halte kurz inne. Du darfst sofort wieder in deine gewohnten Muster zurückfallen – das ist völlig normal. Wichtig ist nur dieser kleine Moment des Innehaltens und des Versuchs, weicher zu werden.

Positive Verstärkung: Schreibe dir bewusst auf (oder sprich es in dein Handy), wenn du einen Tag hattest, an dem du liebevoll mit dir warst. Diese „guten Tage“ können dir in schwierigen Momenten als Erinnerung dienen.

Humor als Heilmittel: Natürlich immer respektvoll und angemessen, aber Humor kann wahre Wunder wirken. Er erleichtert Situationen und schafft Distanz zu übertriebener Selbstkritik.

„Milde und Humor. Das wollte ich euch heute mitgeben. Also Humor, damit arbeite ich schon ganz lange mit mir selbst gegenüber, aber auch mit meinen Klienten.“ – Birgit Weiglein

Der lebenslange Lernprozess: Akzeptanz statt Perfektion

Einen wichtigen Punkt betonen beide Frauen: Persönlichkeitsentwicklung ist kein Wochenendkurs. Es ist ein fortlaufender Prozess mit Höhen und Tiefen, Erkenntnisschüben und Phasen, in denen du dich fragst: „Hallo, wo bin ich eigentlich gerade?“

Genau deshalb ist es so wichtig, weich zu dir selbst zu sein. Dieser Prozess hat Höhen und Tiefen, und das ist völlig normal. Statt dich dafür zu kritisieren, dass du noch nicht „perfekt“ bist, darfst du anerkennen, dass du auf einem wichtigen Weg bist.

Die Erkenntnis, dass wir grundsätzlich kritischer zu uns selbst sind als zu anderen, ist bereits der erste Schritt zu mehr Selbstmitgefühl. Jedes Mal, wenn du dich dabei ertappst, wie du dich selbst kritisierst, hast du die Chance, bewusst milder zu werden.

Beginne heute damit, dir selbst der gute Freund zu sein, der du für andere bereits bist. Deine Persönlichkeitsentwicklung wird es dir danken – und deine Energie auch.